Immer wieder werde ich gefragt, wie unsere Kinder denn lernen. Und jedes Mal halte ich kurz inne. Nicht weil mir die Antwort fehlt und ich nicht weiß was ich sagen soll, sondern weil ich die Frage nicht ganz verstehe. Lernen? Sie leben! Wir leben! Und im Leben lernt man.
Das klingt vielleicht provokant. Ist es aber nicht. Es ist einfach meine Wirklichkeit.
Ich bin zweiundvierzig Jahre alt und lerne jeden Tag. Ich lerne, verlerne und lerne neu. Dieser Prozess hat keinen Abschluss, kein Zeugnis und kein Ende. Er ist das Leben selbst, einfach weil wir die Möglichkeit in uns tragen, bis zu unserem letzten Tag auf Erde zu lernen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das für meine Kinder anders sein soll.

Kinder kommen nicht als leere Blätter auf diese Erde.
Was mich tief berührt und manchmal auch tief traurig macht, ist diese tief verwurzelte Überzeugung unserer Gesellschaft, dass wir aus Kindern etwas machen müssen. Als wären sie roher Stoff, der erst geformt werden muss, um wertvoll zu sein.
In meiner Welt ist es genau andersherum!!!
Kinder kommen mit allem. Mit einem tiefen Gespür für das, was sie brauchen. Mit Neugier, die sich niemand ausdenken muss. Mit einer Verbindung zu sich selbst, die wir Erwachsenen oft mühsam wieder suchen müssen.

Was wir in der Schule manchmal “Lernen” nennen, ist in Wirklichkeit oft eher ein Entfernen von sich selbst, von den eigenen Fragen, von dem, was sich im Körper als richtig anfühlt.
Ich sage das nicht, um Schulen schlecht zu machen. Ich sage es, weil ich es immer wieder sehe. In meiner Praxis rufen Mütter an, deren Kinder Bauchschmerzen haben, die nicht in die Schule können, die sich verändern auf eine Art, die sich nicht richtig anfühlt. Und statt zu fragen, was das Kind gerade braucht, wollen sie, dass ich die Symptome des Kindes behandel-das es wieder im System funktioniert. Ich verstehe das. Der Druck von außen ist enorm. Aber ich frage mich trotzdem: Was wäre, wenn wir den Körperreaktionen unserer Kinder Beachtung schenken würden?

Was ich unter Lernen verstehe:
Für mich ist Lernen nicht das, was auf einem Blatt Papier landet. Lernen ist, wenn ein Kind merkt, wie sich eine alte Festung energetisch anfühlt-schwer, dunkel, belastet von Geschichte und anfängt zu verstehen, dass Räume etwas tragen und dort Energie wirkt. Das ist Wahrnehmung. Das ist Lernen.
Lernen ist, wenn Geschwister am Tisch sitzen und einer dem anderen Platz lässt, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Das ist emotionale Intelligenz. Das ist Lernen.
Lernen ist, wenn ein Kind weiß, welche Pflanze am Wegrand wächst. Wenn es weiß, was sein Körper gerade braucht. Wenn es merkt: hier fühle ich mich wohl, hier nicht. Wenn es lernt, mit sich selbst in Kontakt zu sein, die eigenen Gedanken zu beobachten, sich selbst zu versorgen.
Das sind Kompetenzen fürs Leben. Nicht für eine Prüfung, nicht für einen Lebenslauf, sondern für das echte, gelebte Leben.

Wir stehen an einer Schwelle!
Wir stehen gerade an einem Übergang, der sich in vielen Bereichen gleichzeitig zeigt. Im Human Design kennen wir es als den Wechsel vom Kreuz der Planung hin zum Kreuz des Schlafenden Phönix, eine Zeit, in der das Alte erst auseinanderfällt, bevor etwas Neues entstehen kann. Das klingt beunruhigend. Aber ich erlebe es auch als Einladung.
Weil in diesem Auseinanderfallen Raum entsteht. Raum für neue Fragen. Raum für neue Antworten. Und Raum für Lebensformen, die bisher keinen Platz hatten.

Und ich glaube, dass genau dieser Raum jetzt gebraucht wird, für Familien, die anders leben wollen. Für Kinder, die anders lernen dürfen. Für Menschen, die aufhören wollen, ihr Leben nach einem Skript zu leben, das sie selbst nie gewählt haben.
Es gibt keinen einen richtigen Weg! Nur deinen!

Diese Konzepte dürfen (müssen) hinterfragt werden:
Mit einem Jahr in die Krippe. Dann Kindergarten. Dann Schule. Dann Ausbildung oder Studium. Dann Arbeit. Das kennen wir alle. Das ist nicht falsch. Aber es ist nicht der einzige Weg.

In unserer Familie schlafen wir, wenn wir müde sind. Wir essen, wenn wir Hunger haben. Wir folgen keinem Stundenplan, der von außen festlegt, was jetzt dran ist, sondern folgen unserer Körperintelligenz. Das klingt radikal. Für uns ist es einfach natürlich.
Dieser Weg ist manchmal anstrengend, manchmal herausfordernd, manchmal kompliziert, besonders in einem Land, welches dieses Leben rechtlich nicht erlaubt und uns es nicht immer leicht macht. Aber es ist unser Weg, weil er sich für uns richtig anfühlt.
Ich wünsche mir so sehr, dass Familien diesen Weg gehen dürfen, ohne Druck, ohne Angst, ohne das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen und ohne immer auswandern zu müssen!!! Wir nehmen niemandem etwas weg. Wir machen nichts kaputt. Wir leben einfach so, wie es für uns stimmt.

Ich schreibe das nicht, damit du genau so lebst wie wir. Ich schreibe es, weil ich weiß, dass viele Menschen einen inneren Ruf hören und ihn überhören. Weil der Nachbar, die Eltern, die Gesellschaft, die Politik etwas anderes sagen. Weil man sich fragt: Darf ich das? Ist das verantwortungslos? Was wird aus meinen Kindern?
Ich kenne diese Fragen. Wirklich!!! Wir haben sie uns alle gestellt. Und ich antworte dir aus meiner Erfahrung: Dein Körper weiß, was richtig ist. Deine Kinder wissen, was sie brauchen. Das Einzige, was manchmal fehlt, ist die Erlaubnis, von dir selbst und das Vertrauen in dein Gefühl für DEINEN WEG!

Du musst nicht so leben wie ich. Aber vielleicht darf es einfach mal ein Gedanke sein: Wie wäre das Leben, wenn du ihm ein bisschen mehr vertrauen würdest? Wenn du weniger nach Konventionen fragst und mehr nach dem, was sich in dir als wahr anfühlt?
Das wünsche ich mir. Für dich. Für deine Kinder. Für uns alle.

Weil ich glaube, dass eine Welt, in der viele verschiedene Arten zu leben nebeneinander sichtbar sind, eine reichere, ehrlichere und menschlichere Welt ist.

Und das, das ist vielleicht das Wichtigste, was wir unseren Kindern mitgeben können.
Nicht eine bestimmte Art zu leben. Sondern das Vertrauen, dass sie selbst wissen, welche die ihre ist-weil wir es ihnen vorleben!!!

Kristin